Red Dead Redemption 2 – Das Problem mit zu viel Realismus in Videospielen

Ich spiele gerade Red Dead Redemption 2. Also quasi so wie jede Person auf diesem Planeten, die im Besitz einer Playstation 4 oder XBOX One ist. Doch leider kann ich die Begeisterung der meisten Menschen (das Spiel hat einen Critic-Metascore von 97!) nicht so wirklich teilen. Die Story ist unglaublich vorhersehbar, die träge Steuerung treibt mich irgendwann noch einmal in den Wahnsinn. Aber auf beides möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, denn es gibt noch einen weiteren Punkt, der mir an vielen Stellen den Spaß an Rockstars neuen Open-World-Abenteuer raubt: Der übertriebene und viel zu hartnäckige Versuch, „Realismus“ in das Spiel zu bringen.

Seit der Existenz von Videospielen wünschen sich viele Spieler*innen auf der ganzen Welt Realismus in diesen. Dabei ist nicht nur die Grafik gemeint, auch die spielerischen Elemente sollten möglichst genau ein „echtes“ Leben abbilden, denn das würde die Immersion steigern. Soweit zumindest der Gedanke. Heute befinden wir uns an einem Punkt, an dem die Technik so weit fortgeschritten ist, dass wir Spielwelten mit einer lächerlich großen Menge von Details füllen können, und sie dabei auch noch nahezu fotorealistisch aussehen lassen können. Und nun gelangen wir an einen Punkt, an dem wir uns fragen müssen, wo die Grenze liegt, zwischen einem hohen Grad an Realismus und so etwas wie… Spielspaß.

Red Dead Redemption 2 hat für mich diese Grenze überschritten. Dabei macht das Spiel eigentlich jede Menge richtig in der Art und Weise, wie es seine Spielwelt lebendig werden lässt, ihr also Realismus einhaucht: Auf der Straße begegne ich fremden Reiter*innen, die auf ihrer Reise durch das Land einem festen Ziel folgen. Hin und wieder entdecke ich jemanden, der am Wegesrand um meine Hilfe bittet. In den Städten, Dörfern und in meinem Camp kann ich Unterhaltungen mit anhören, die zwischen den jeweiligen Bewohner*innen stattfinden, und mit mir als Arthur Morgan überhaupt nichts zu tun haben. Hier habe ich das Gefühl, echten Menschen bei echten Gesprächen zuzuhören und sie bei ihren Tagesabläufen zu beobachten. Sie vermitteln mir, dass sie nicht bloß um mich als Spieler herumgebaut sind, sondern ich vielmehr in eine lebendige und bereits existierende Welt eingetreten bin.

All das schafft der Cowboy-Epos richtig gut. Doch Rockstar entschied sich, noch einen Schritt weiter zu gehen, und die Spielerfahrung mit einer Vielzahl von Aktivitäten zu „bereichern“, die ebenfalls Realismus in das Spiel bringen sollen. So muss ich beispielsweise meine Waffen regelmäßig reinigen und mein Pferd bürsten, damit es nicht zu schmutzig wird. Und wenn letzteres einmal in einer Schießerei draufgehen sollte, tja, dann darf man sich von seinem treuen Reittier, das man stundenlang getätschelt und beruhigt hat, um eine Bindung zu ihm aufzubauen und dessen Gesundheits- und Ausdauerwerte zu verbessern, verabschieden und alleine Pferde stehlen gehen, oder wie ein ehrlicher Mensch eines kaufen. Weiterhin gibt es zahlreiche optionale Aktivitäten wie Jagen, Fischen oder Pokern.

In Red Dead Redemption 2 verbringt ihr viel Zeit damit, euer Pferd zu bürsten… 

Doch genau da liegt für mich der entscheidende Faktor: Während ich die zuletzt genannten Tätigkeiten während des Spielens fast vollständig ignorieren kann (das Spiel lägt einem am Anfang zwar äußerst nahe, sehr oft jagen zu gehen, da man die Pelze, die man daraus erhält allerdings vor allem für kosmetische Upgrades für das Camp der Gang gebrauchen kann, habe ich schon seit den 2. Kapitel des Spieles keinen Pfeil mehr auf ein Wildtier geschossen), haben andere direkte spielerische Auswirkungen. Ist mein Pferd einmal dreckig, regeneriert sich seine Gesundheit langsamer, was mir zusätzlich auch durch ein penetrantes rot blinkendes Icon in dessen Statusleiste deutlich gemacht wird. Sind meine Waffen dreckig, verlieren sie an Feuerkraft, Präzision, usw. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Waffen und mein Pferd regelmäßig zu pflegen und zu reinigen. Während ersteres noch relativ schnell von der Hand geht und selten wirklich nötig ist, brauche ich, um mein Pferd grundlegend zu säubern, schon gerne einmal mehrere Minuten, und das gefühlt alle 2-3 Spielstunden. Und das ist nervig.

Nicht nur verlangsamen diese Aktivitäten das Spielerlebnis an sich sehr, sondern sie senken darüber hinaus die Spannungskurve immer wieder auf einen Wert nahe Null. Dies ist in Open World-Spielen ja sowieso häufiger ein Problem, wird dadurch aber nur noch mehr verstärkt: Wenn gerade der Shit den Fan gehittet hat (ich entschuldige mich ausdrücklich für diesen Ausdruck) und ich sofort die nächste Mission starten möchte, Arthur Morgan dazwischen aber erst einmal sein Pferd bürsten muss, damit es auch fit für das nächste Abenteuer ist, ist das nicht nur unglaublich langweilig, sondern auch tatsächlich einfach unrealistisch. Also genau das Gegenteil von dem, was Red Dead Redemption 2 mit diesem Feature eigentlich erreichen wollte.

…und eure Waffen zu säubern.

Dieses Problem beschränkt sich dabei auch nicht nur auf Pferde. Auch in vielen anderen Bereichen fällt der angebliche Realismus dem Spiel auf die Füße. Robin Schweiger von Hooked fasst das in einer Diskussion auf Twitter sehr passend zusammen. Er erzählt davon, dass er nach dem Überfall auf einen Zug mit diesem (nun komplett leeren Fahrzeug) durch die Spielwelt fuhr, um diese auf Schienen zu entdecken, dabei aber in jeder der von einander eigenständigen Regionen ein hohes Kopfgeld erhielt und als Gesucht ausgeschrieben wurde, was in RDR2 spielerische Auswirkungen hat. So kann man beispielsweise bestimmte Quests nicht mehr erledigen oder Services in Anspruch nehmen. Warum überhaupt jede*r Bewohner*in der Spielwelt beim Anblick eines leeren Zuges sofort erkannte, dass dieser überfallen worden ist und sich auch noch 100%ig sicher ist, dass dies nur Arthur Morgan gewesen sein kann? Tja, dies lässt sich wohl nur durch Rockstars „realistisches“ Bounty-System erklären. Einige User auf Twitter merkten an, dass die Reaktionen der Spielwelt auf eine*n gesuchte*n Verbrecher*in durchaus angemessen sein. Robin antwortet darauf: „‚Realismus‘ ist nicht inherent gut. Ich muss mit Arthur auch nicht regelmäßig auf Toilette gehen, verdurste nicht, muss mir nicht die Zähne putzen, die Schuhe zubinden, meine Kleidung reinigen und zusammenelgen. Das würde auch alles ‚Sinn‘ ergeben. Aber keinen Spaß machen.“

Robin Schweiger zum „Realismus“ in RDR2.

In Red Dead Redemption 2 ergibt vieles einen Sinn. Natürlich muss ich meine Waffen regelmäßig reinigen, damit sie funktionsfähig bleiben. Natürlich muss mein Pferd regelmäßig geputzt werden, damit sein Fell nicht verfilzt. Aber RDR2 hat nicht das Ziel, eine Western-Lebenssimulation à la Sims zu werden. Es möchte eine Geschichte erzählen und uns mit seiner Spielwelt begeistern. Und es überschreitet beim Versuch, das gleichzeitig noch möglichst „realistisch“ zu gestalten eine Grenze, was als Resultat den Spielspaß senkt.

Videospiele müssen und sollten nicht realistisch sein, zumindest wenn dies nicht ihr Hauptziel ist, wie in den berühmt berüchtigten Arbeitsplatzsimulatoren, zu denen sich Rockstars Western ja zum Glück nicht zählt. Aktivitäten und Geschehnisse, die ein halbwegs realistisches Abbild des echten Lebens zeichnen, sind ja nicht grundlegend schlecht. Aber warum können diese nicht optional sein? Warum kann mein Pferd, wenn es dreckig ist, nicht einfach nur dreckig aussehen, anstatt dass es spielerische Auswirkungen hat? Dann könnte ich diese Mechanik genauso ignorieren wie beispielsweise das Fischen, und wenn ich mal einen ruhigen Moment im erbarmungslosen Amerika des sehr späten 19. Jahrhunderts habe, kann ich mich immer noch in aller Ruhe um die Säuberung meines geliebten Reittiers kümmern. Doch so werde ich immer wieder dazu gezwungen, mich dem „Realismus“ des Spieles hinzugeben, und das macht leider einfach keinen Spaß.

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