Mass Effect: Andromeda – Eine Freundschaft, die sich falsch anfühlt

Seien wir ehrlich: Mass Effect: Andromeda ist kein gutes Spiel. Es hat Probleme an allen Ecken und Enden und selbst fast ein Jahr nach dem Release ist es quasi unmöglich, nicht an einigen Stellen vor unfreiwilliger Komik laut loszulachen. Und dennoch verbrachte ich 58 Stunden in der Galaxie, weit entfernt von unserer Milchstraße, bevor die Credits über meinen Bildschirm flimmerten.

Mein persönliches Abenteuer begann schon lange bevor Andromeda überhaupt erschien. Begeistert von der Vorstellung, endlich wieder in ein neues Mass Effect eintauchen, die Geschichte mit meinen Entscheidungen formen und meine Crewmitglieder kennen lernen zu können, bestellte ich fast unverzüglich vor. Und tatsächlich kann man der Marketing-Kampagne von EA wenig vorwerfen: Auf ihrer „Join the Initiative“-Website schaute ich mir Trainings-Videos an und las mir Wissen über die Andromeda Initiative an, um bestens vorbereitet in diese neue, unbekannte Galaxie zu starten.

Der Klassiker unter den ME:A GIFs. Quelle: NeoGAF

Und dann war es soweit: Am 21. März 2017 erschien Mass Effect: Andromeda und schnell wurde klar, dass es leider nicht die ultimative Fortsetzung ist, die sich Fans der Spielereihe, mich eingeschlossen, erhofft hatten. Eine schlechte Geschichte, nervige Dialoge und desaströse Technik für ein Spiel, welches 2017 erscheint und noch dazu auf EAs Frostbite Engine basiert, welche gerade erst Star Wars: Battlefront II hervorbrachte. Leicht schockiert und etwas traurig entschied ich mich also, mit meinem Playthrough noch zu warten. Wenigstens die Bugs und Glitches seien doch bestimmt bald rausgepatched, dachte ich mir.

Und so dauerte es bis in den frühen Winter 2017, bis ich mich endlich entschied, meine Reise in die Andromeda-Galaxie aufzunehmen. Wie sich herausstellte, gab es zwar in der Zwischenzeit einige Updates und Fixes, dennoch blieb auch mir die technische Katastrophe nicht erspart: Unzählige lächerlich wirkende Animationen, Grafik-Glitches, aufpoppende Texturen und Fehler bei der Kollisionsabfrage sind nur wenige Punkte, die im Laufe der Geschichte mehrmals meine flache Hand in Richtung meiner Stirn führten, und die auch nicht selten dafür sorgten, dass ich erst einmal eine Pause von diesem Spiel brauchte.

Doch abseits der technischen Ebene, für welche das Spiel mehr als nur einmal von allen Seiten auseinander genommen wurde, fehlt es auch erzählerisch an vielen Stellen. Die Spannung, die man mit dem Entdecken einer neuen Galaxie erwartet, geht leider ziemlich schnell flöten, wenn man bemerkt, dass man eigentlich nur eine einzige neue Alienrasse trifft und die ehemaligen Bewohner der Milchstraße zu Beginn der Geschichte bereits Siedlungen verstreut über die Andromeda-Galaxie aufgebaut haben. Der Plot an sich versucht zwar teilweise etwas Entdecker-Drang zu vermitteln, ist aber am Ende auch nur eine typische schwarz/weiße jage-den-Villian-Erzählung, die ohne Abstriche eins zu eins so in der Milchstraße hätte stattfinden können. Warum genau haben wir diese 600 Jahre lange Reise noch einmal auf uns genommen? Im Nachhinein wirkt der dramatische und mysteriöse Buildup, den die PR-Maschinerie vor Release betrieben hat, ziemlich lächerlich.

Nun soll das hier aber kein Artikel werden, der Mass Effect: Andromeda für das rügt was es falsch macht. Denn irgendetwas hat es richtig gemacht, sonst hätte ich nicht knapp 60 Stunden in dieses Spiel gesteckt. Als ich die Story beendet und die Namen der Mitwirkenden von unten nach oben durch das Bild scrollen sah, fühlte ich mich nicht meiner Lebenszeit beraubt. Ich wurde zwar nicht sprachlos in meinem Schreibtischstuhl zurückgelassen, so wie vielleicht nach einem Mass Effect 2, aber ich war zufrieden mit dem, was ich erlebt hatte. Warum also?

Nun, so wirklich erklären kann ich das glaube ich selbst nicht. Denn irgendwie fühlt es sich falsch an, Andromeda trotz seiner vielen Macken zu mögen. Aber letztendlich gibt es doch auch positive Seiten.

Da wäre die Crew. Die Tempest ist keine Normandy, einen Garrus gibt es auch nicht, und dennoch dürfen wir erneut eine Besatzung erleben, die wild zusammengewürfelt wurde, aus allem, was den Weg in die Andromeda-Galaxie geschafft hat. Die Unterschiede in den Charakteren der einzelnen Personen an Bord hat in den vergangen Mass Effect Inkarnationen für eine schöne Dynamik gesorgt – und das klappt auch dieses Mal wieder. Ich kann jedem meiner Crewmitglieder durch eine Vielzahl an Dialogoptionen näher kommen, letztendlich ihre Loyalität erlangen oder sogar eine Romanze mit ihnen eingehen. Und obwohl sich die Gespräche bezüglich Qualität und Authentizität ganz klar bei den Vorgängern hinten anstellen müssen, und auch die Loyalitätsmissionen bei weitem nicht an die Epik ihrer Vorgänger hereinreichen können, so fühlte ich mich dennoch wohl mit diesen Begleitern auf meiner Reise, konnte sogar Sympathie für sie aufbauen.

Andromeda kann halt doch ganz schön sein. Quelle: imgur

Da wäre der Nomad. Das erste Mal seit dem original Mass Effect ist es möglich, Planeten mehr oder weniger frei in einem Fahrzeug zu erkunden. Und steuerte sich der damalige M35 Mako noch wie ein Spiegelei auf einer eingeölten Pfanne, klappt das herumfahren dank des Nomad nun deutlich besser. So kann tatsächlich eine Art Entdeckergefühl aufkommen. Auch wenn das, was es zu entdecken gibt, meistens eher semi-spannend ist: Hideouts von Feinden, Gebiete, in denen ich Materialien abbauen kann, und klassische Fetch-Quests „besiedeln“ die Welten des Helius-Clusters. Doch ab und zu bietet sich einem dann einmal eine schöne Aussicht, die man für einen kurzen Moment genießen kann. Und letztlich kann es sogar befriedigend sein, die „Viability“-Leiste eines jeden Planeten zu füllen, was zum Glück auch durch die mehr oder weniger durchdachten Nebenmissionen erreicht werden kann, ohne auf die sogenannten Tasks aka „sammle 30 Nadeln aus 52 Heuhaufen“ zurückgreifen zu müssen. Hin und wieder hatte ich wirklich das Gefühl von Stolz darüber, wie ich diesen Planeten voran gebracht habe.

Und letztendlich ist auch Andromeda immer noch ein Mass Effect. Völlig egal, ob es Sinn ergibt, dass wir 600 Jahre lang im Kälteschlaf verbracht haben, man spürt die DNA der Vorgänger. Man kann dies kritisieren, man kann anmerken, dass man trotz dieses „Neuanfangs“ spielerisch wie erzählerisch merkt, was die Vorgänger waren, doch vielleicht ist es gerade das, was das Spiel vor dem völligen Untergang bewahrt hat. Denn auch einige Makel können nicht verderben, welch eindrucksvolle Welt BioWare über die Jahre aufgebaut hat. Andromeda verschenkt viel von seinem Potential und ist viel mehr vom Selben, aber mehr von Mass Effect ist einfach etwas, mit dem ich immer Spaß haben werde.

Mass Effect: Andromeda wird wohl erst einmal für einige Zeit das letzte Spiel der Reihe sein. BioWare strich die geplanten Singleplayer-DLCs, und außer den bereits angekündigten Romanen, sollten wir nicht allzu viel Hoffnung in ein weiteres Abenteuer im Mass Effect Universum setzen (in welcher Galaxie auch immer). Denn obwohl EAs Patrick Soderlund sagte, dass er sich durchaus vorstellen könne, noch einmal zu Mass Effect zurück zu kommen, kann man aus seinen Worten dennoch lesen, dass eine solche Rückkehr bisher definitiv nicht geplant ist. Vielleicht ist es auch besser so, scheint BioWare im Moment doch viel von seiner ehemaligen Identität zu verlieren.

Und so werde ich als als großer Fan der Mass Effect Reihe mit gemischten Gefühlen zurück gelassen. Ich mochte Andromeda. Doch zufrieden damit, dass so der Abschluss eines derart großartigen Universums aussehen könnte, bin ich nicht.

 

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